Lasst die Spiele beginnen!

12:00 Nur noch 12 Stunden, dann ist das alte Jahr vorüber und das Neue Jahr beginnt. Du stehst in der Küche und streichst Butter auf die aufgeschnittenen Sandwich-Brötchen. Normalerweise bist du voller Vorfreude über die bevorstehende Party und den Jahreswechsel.

Ein schönes Ritual, um altes loszulassen und dem neuen Unbekannten willkommen ins Auge zu blicken. Aber heuer bist du dir nicht sicher, ob du das gut oder schrecklich finden solltest, dass wieder ein Jahr vorüber ist. Einerseits empfindest du eine Wohltat bei dem Gedanken, denn dieses Jahr war alles andere als leicht. Genau genommen war es katastrophal. Bedrückend, unstet, beängstigend, lebensverändernd, einschneidend.

Eine dunkle Wolke hängt über dir, welche du mit einem zaghaften, gequälten Lächeln versuchst wegzustrahlen. Aber die einstige Leuchtkraft schwächelt. Sie ist irgendwo zwischen Masken, Lockdowns und Homeoffice hängen geblieben. Andererseits vergingen diese 365 Tage so rasant, dass man gar daran zu zweifeln beginnt, ob es tatsächlich so viele Tage waren und man sich wünscht, es wären doch mehr gewesen.

Heuer gibt es erstmalig selbstgemachte Brötchen. Ein letztes, neues Abenteuer, 12 Stunden bevor die gefühlte Unsicherheit und der Trott ein neues Gesicht annehmen.

 

13:00 Die Hälfte der Brötchen ist gemacht. Du hoffst, dass dieses neue, kleine Abenteuer deinen Gästen schmecken wird. Oder wäre das Altbewährte doch besser gewesen?, fragst du dich selbst. Was ist, wenn das nicht passt? Vielleicht sollte ich doch nochmal umschwenken, grübelst du weiter. Wieder fühlst du dieses unsichere Gefühl, welches seit Monaten dich mit Selbstzweifel versorgt und immer in den ungünstigsten Momenten über dich kommt. «Dabei bin ich doch gar nicht so», murmelst du angewidert vor dich hin.

 

14:00 Endlich ist das Silvesteressen fertig bestrichen und belegt. Du wünschst dir, es wäre doch schon 16:00, der Zeitpunkt, zu dem die Gäste eintrudeln. Jene heiß ersehnte Abwechslung in den doch sozial kargen Zeiten. Glücklicherweise fehlen noch ein paar Vorbereitungen, womit wenigstens die nächste halbe Stunde ausgefüllt sein wird.

 

15:00 Es hat doch länger gedauert als gedacht. Jetzt gilt es nur noch eine Stunde zu überbrücken. Etwas ermüdet von der stundenlangen Besteckgymnastik und dem Brötchenturnen, wäre ein kurzes Nickerchen dein nächstes Hauptziel und du lässt dich in dieser Hoffnung auf’s Sofa fallen. Aber kaum die Füße hochgelegt durchfließen Ströme von Gedanken deinen Kopf. Offenbar versuchen doch noch all die Erinnerungen, Geschehnisse, Gefühle dieses Jahres ihrer unbewussten Präsenz Nachdruck zu verleihen, indem sie sich in das müde Bewusstsein schieben. Wäre auch zu schade, wenn all der Ärger, Frust und Zorn sowie die ganze Traurigkeit, Unsicherheit und Beklemmung in Vergessenheit geraten würden.

So vieles hatten wir alle vor, rattert dir durch den Kopf, so vieles konnten wir nicht tun, haben wir verloren oder auf unbestimmte Zeit verschoben. So viele zunichte gemachte Möglichkeiten und Chancen, rattert es weiter. Du fühlst dich wie ein ängstliches Küken, das zusammengekauert, schutzlos unter einem Busch sitzt, darauf wartend gerettet zu werden, während es zittrig zusieht, wie die Nachbarskatze hungrig vorbeischleicht.

«Was ist bloß aus mir geworden», kommt dir plötzlich laut seufzend über deine Lippen, «mit mir, dieser abenteuerlustigen, geselligen Person, die sich selten wirklich Sorgen um die Zukunft machte, fröhlich begeistert mit Vertrauen durchs Leben ging».

Aber, als sich plötzlich eine Brötchenduftmischung in die Nase drängt, wirst du fast wie erleuchtet. Um 15:45 wird es dir bewusst, wie scheiße alles ist und, dass es so nicht weitergehen kann. Pandemie hin oder her. Du hast dich in die finstere Höhle ziehen lassen und hast dir eingeredet, kein Weg führt da mehr raus. Du hast eine zündende Idee für den Silvesterabend. Eine wesentliche, wie sich herausstellen wird.

 

16:00 Endlich kommen die ersten Gäste.

 

17:00 Die letzten Freunde und Verwandten trudeln ein, und die kleine, gesellige Silvesterparty kann voll starten. Die Gläser werden gehoben und du sprichst zu deinen Gästen. Du erzählst ihnen von deinen Nachmittags-Gedanken und von der Idee für den Abend, die dich exakt um 15:45 erleuchtete, mit der du aber erst später rausrücken möchtest. Schließlich soll der Spannungsfaden durch frühzeitige Bekanntgabe nicht reißen.

 

18:00 Alle sind über die abenteuerlastigen Silvesterbrötchen hell auf begeistert. Völlig unberechtigt waren deine Zweifel, wie du feststellst. Alles nur in meinem Kopf, denkst du dir, alles nur in meinem Kopf, diese negativen Gedanken.

 

19:00 Das letzte Brötchen hat das Zeitliche gesegnet. Die restlichen Weihnachtskekse sind die süße Rettung des Abends. Denn die Stimmung ist, entsprechend der Lage, sagen wir einmal, solala. Der beherzte Verwandte Herbert versucht mit Witzen und Kekskrümeln, die seinen Bart lustig zieren, das Silvesterruder rumzureißen. Leider, gelang ihm dies aber nur in Maßen.

 

20:00 Eigentlich wolltest du deine Idee erst um 21:00 verkünden, aber aufgrund des Stimmungstiefs siehst du augenblicklichen Handlungsbedarf. «Meine Lieben», beginnst du stehend und sehr zögernd deine Ansprache, da du dir unsicher bist wie die Reaktionen ausfallen werden, wenn du gerade im Begriff bist, anstelle des traditionellen 21:00 Activity-Spiels, eine 20:00 Gesprächsrunde zu installieren. «Wie ihr ja wisst», fährst du fort, «war dieses Jahr für uns alle eine ungeheure Belastung. Vieles wurde vielleicht noch nicht erzählt oder angesprochen. Deshalb möchte ich vorschlagen, anstelle von Activity, eine gemütliche Gesprächsrunde zu machen, wo jeder und jede noch das loswerden kann, was schwer auf’s Herz drückt. Lasst uns dann versuchen ein paar Wege zu finden, die uns positiver und zuversichtlicher durch das kommende Jahr bringen können.»

Alle starren dich an. Die Kekskrümel vom beherzten Herbert fallen erschrocken zu Boden, als er seinen staunend offenen Mund je zuklappt. Es ist gespenstisch still. Zu still für eine Silvesterparty. Doch auf einmal durchbricht die Stimme deiner Freundin Rosalie die erwartungserfüllte Luft und sie beginnt über ihre Erfahrungen zu sprechen. Du setzt dich erleichtert nieder und zeigst mit einem Grinsen im Gesicht, deine Freude über die erneute, unerwartete Wendung dieser Party.

Na ja, auf einer Party wird gefeiert und es steht nirgends geschrieben, wie genau das auszusehen hat, überlegst du dir hoffnungsfroh, um jene gedanklichen Zweifel zu verdrängen, die dich insgeheim fragen lassen, ob es nicht besser gewesen wäre einfach mehr Sektflaschen aufzumachen.

 

20:30 Plötzlich steht Jonas auf, geht zum Schrank und kramt das Activity-Spiel hervor. «Was machst du da?», fragst du mit quasi schreiend leiser Stimme deinen Bruder, welcher dir bloß mit einer beschwichtigenden Handbewegung und mit gelassen leiser Stimme «Wart’s mal ab, Schwesterchen» antwortet. Nun starren alle Jonas an, der seelenruhig das Spiel entpackt, während Rosalie noch immer von ihren Einsamkeitsproblemen im Homeoffice erzählt.

Die Idee der Gesprächsrunde war zwar grundsätzlich eine gut gemeinte, aber es fehlt definitiv ein moderierendes Wesen, das einerseits verhindert, dass eine Person so lange spricht, bis ihre Lungen zusammenfallen und andererseits genau darauf achtet, dass alle einmal drankommen. Und so findet sich auch kein Freiwilliger, der sich traut den Redeschwall Rosalies zu unterbrechen. Außer, zum Glück, Jonas, der, wie die Kekse vorhin, zu einem weiteren Retter des Abends wird.

Als alles aufgebaut ist, hört Rosalie von selbst auf über ihre Dinge zu reden, denn es nährt sie der Drang zu fragen, was um alles in der Welt diese Unhöflichkeit soll, mit diesem Spiel derart in die Ernsthaftigkeit ihrer Problematik einzugreifen.

Jonas überhört den Frust in ihrem Tonfall und läutet mit Activity 2.0 eine neue Ära der Silverster-Abend-Gestaltung ein. «Leute», beginnt er motiviert in die Runde zu posaunen, «die Idee meiner Schwester find ich toll, aber ich denke, auch wenn alles sehr ernst ist und sich für viele schrecklich und verzweifelt anfühlt, sollten wir dennoch versuchen an das Ganze einmal anderes ran zu gehen. Lasst uns unser traditionelles Activity spielen, aber ohne, dass es um’s Gewinnen geht. Sondern wir erzählen in Worten, zeigen pantomimisch oder malerisch, wie wir uns fühlen und was wir loswerden möchten. Beschränkt auf 3 Minuten pro Person. So können alle mitraten, alle aktiv teilhaben und alle drankommen. Vielleicht schaffen wir es so, ein wenig Humor in unsere Herzen zu bringen, eine Qualität, die wir, trotz der momentanen Schieflage, nie verlieren dürfen. Ansonsten werden uns unsere eigenen, innersten Gefühle irgendwann zerfressen. Silvester ist ein Tag der Transformation, vom Alten ins Neue. Lasst uns das auch genauso feiern.»

 

21:00 Dieses Mal ist es Franz, der zweite barttragende Verwandte, dem nun allerdings anstelle von Krekskrümel, Bier vom Bart tropft, welches er vor lauter Staunen über die Guru ähnlichen Worte, vergessen hatte abzuwischen.

Wieder durchwächst dieser erdrückende Ton der Stille den Raum. Du machst dich ganz klein in deinem Sessel, denn die leicht verstörten Blicke deiner Gäste lassen nichts Gutes ahnen und schon gar nicht die Rettung des Abends. Aber, falsch gedacht.

«Lasst die Spiele beginnen», schreit unerwartet Valeria, die beste Freundin der Gastgeberin, indem sie vom Sessel hochspringt und mit ihrem Wasserglas prostet. Klar ist sie begeistert, schießt es dir durch den Kopf. Ist sie doch Meditationslehrerin, die ihr tägliches Leben in einen Hauch von Rosa und gut gelaunten, weißen Wölkchen taucht. Irgendwie hast du sie schon immer dafür bewundert, wie sie das macht. Zum allerersten Mal beobachtest du auch, wie sich Jonas und Valeria liebevolle Blicke zuwerfen. Dein Brüderchen hat anscheinend gefallen gefunden an dem Wölkchen umwobenen Wesen. Jetzt verstehst du auch plötzlich seine erweiterte Idee deiner Idee.

Es ist ein Wunder. Valeria hat es mir ihrem Schlachtruf geschafft, dass alle drauf einsteigen. Die Spiele beginnen also tatsächlich. Und nach kürzester Zeit hebt sich sogar die Stimmung und der betrübte Haufen findet sein Lachen wieder.

 

22:00 Die Spiele dauern an.

 

23:00 Man merkt, der Drang seine Betrübnisse loszuwerden, lässt langsam nach. Du hast dich um 22:30 bereits gemütlich aus dem Spiel zurückgezogen, um einfach nur zu beobachten. Erstaunt und bedauernd stellst du fest, vieles von dem Offenbarten wusstest du gar nicht. Die Depressionen vom beherzten Herbert, die große Einsamkeit der redseligen Rosalie, der Jobverlust vom ruhigen Richard, die Zukunftsangst der fröhlichen Aida, der Liebeskummer der geselligen Anna, der Tod eines Jugendfreundes vom traditionellen Franz. Ja selbst die Kinder der Wölkchen-Valeria leiden unter Ausgrenzung und deinen liebevoller Bruder Jonas plagen immer starke Kopfschmerzen. Und du? Ja du konntest noch deine Selbstzweifel beisteuern. Aber heute durfte alles raus und das Geschenk des Abends sind wohl die vielen strahlenden Augen.

 

Valeria hatte dir einmal folgendes gesagt «Eine Sache, die im Leben nie fehlen darf, ist die Leichtigkeit. Egal was passiert, betrachtet man die Situationen mit einer gewissen Leichtigkeit, und einem Vertrauen, dass alles wieder gut werden wird, dann lassen sich auch leichter Lösungen finden. Und gerade in schweren Zeiten, müssen wir selbst kreativ Lösungen aufbauen. Verbissenheit, Ärger, Zorn, Hass, Verzweiflung lassen dich auch nur das sein. Sie helfen dir nur beim innerlichen Sterben, machen dich starr und unflexibel. Dein Leben wird hoffnungslos und der Schatten dieser dunklen Wolken hängt über dir, darauf wartend endlich vollends auf dich einzustürzen. Es ist nicht leicht, sich seinen eigenen Dämonen in den Weg zu stellen, die sich gemütlich in deinem Gehirn eingerichtet haben und dir permanent sagen, wie scheiße alles ist. In dieser Dunkelheit deiner negativen, neuronalen Verbindungen. Aber je mehr du dich der Sonne zuwendest, je mehr Licht du in deine Gedankenwelt strahlen lässt, desto weniger Freude haben die Dämonen da zu wohnen. Du merkst aber auch, weil dein Herz wieder zu leuchten beginnt, dass du der Vermieter vom Dämonen-Penthouse bist und entscheiden kannst, wem du es vermietest.  Dadurch kommt die Hoffnung zurück, dass alles gut wird. Und das tut es doch immer.»

 

Du hast die weiß-rosa Wölkchensicht nie so richtig verstanden. Aber Activity 2.0 hat den Sinn dieser Worte herzerwärmend zum Ausdruck gebracht. Den Sorgen Flügel verleihen, damit sie wie ein Vogel fliegen können.

 

23:55 Alle Gäste stehen mit den Sektgläsern auf der Terrasse und wirken froh und erleichtert. Bumm bumm…bumm…zisch…ertönt es bereits von überall. Die ersten Raketen zeichnen ihre leuchtenden Strahlen über das Himmelszelt. Ein sekundenschnelles Aufblitzen, eine unglaubliche Transformation von Materie. Ihr Knall, ein Aufrütteln, eine Brücke zwischen geheimen Wunsch und tatkräftiger Offenbarung. Millionen Silvesterlichter weisen uns den Weg in’s Neue Jahr und schenken uns mit dieser Kraft neue Liebe, Nähe, Hoffnung, Freude, Zuversicht und Erneuerung. Denn auch ihr Verstummen hat Bedeutung, es ist ein Lichtblick der Erkenntnis und der Beginn von neuen Möglichkeiten. 

 

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1: 00:00

«Lasst die neuen Spiele beginnen», jauchzen alle Partygäste lautstark, mit erhobenen Gläsern, in den hell erleuchteten Nachthimmel hinein, beseelt von einer neu errungenen Lebenskraft. Eine starke Kraft, die ihnen das tiefe Gefühl vermittelt, alles im Neuen Jahr auf die erdenklich, positivste Weise meistern zu können.